Biker Story I

 

Eine kleine alltägliche Geschichte

 

Der Schmetterling vor ihrer Nase flatterte hin und her, von links nach rechts, von oben nach unten. Sie kicherte und griff spielerisch nach ihm. Sie wollte ihm ja nicht weh tun, ihn höchstens ein bisschen streicheln, obwohl sie mit ihren dreizehn Jahren ja schon längst wusste, dass es für den Schmetterling höchstwahrscheinlich tödlich sein würde, wenn sie ihn auch nur leicht in ihren Händen kurz gefangen hielte. Zu empfindlich ist seine Flügelstruktur, um auch nur den wohlwollendsten Händen standzuhalten. Drum bemühte sie sich ja auch, dem Schmetterling nur kleine Flugkorrekturen "nahezulegen". Das Spiel mit der Kreatur, die wahrscheinlich Panik ohne Ende in ihre Flugbewegungen legte, führte sie aus der Siegfriedstraße, die der eigentlich direkte Heimweg von der Bushaltestelle zum Haus ihrer Familie gewesen wäre, in eine ganz andere Gegend. Sie achtete nicht darauf, war sie doch viel zu beschäftigt mit dem bunten Flatterding vor ihrer Nase. Als sie vorhin am Brunnensteg aus dem Bus des Verkehrsverbundes, der am Nachmittag die Beförderung der Schulkinder zu bewältigen hatte, ausgestiegen war, war ihr klar, sie hätte noch mindestens ein und eine halbe Stunde Zeit, bis ihre Mutter in dem kleinen Schuhladen, in dem sie halbtags, aber nicht immer mit geregelten Schlusszeiten, arbeitet, Feierabend hat. Sie wusste ebenso, dass die Oma, wie jeden Tag, etwas Warmes zu essen gekocht haben würde, aber, wie auch jeden Tag war sie gar nicht so scharf auf die Oma, würde die doch, wie immer, bloß auf sofortige Erledigung der Schularbeiten drängen und ansonsten sich Ruhe ausbitten. Da kam der Schmetterling gerade recht, obwohl sie wusste, sie würde Schwierigkeiten bekommen, wenn sie nicht rechtzeitig bei Oma sein würde. Mama war auch streng. Doch all das war im Moment völlig nebensächlich, was Oma oder Mama sagen könnten, interessierte das Mädchen wirklich gerade überhaupt nicht. Der Schmetterling, der wahrscheinlich jetzt wirklich die Schnauze voll hatte, schwang sich irgendwann plötzlich zu einem völlig unerwarteten Höhenflug auf, entwand sich dem Zugriff des Mädchens entschieden, und war weg. Enttäuscht blickte die Kleine um sich, wo denn ihr Forschungsobjekt geblieben wäre oder wo eine neue biologische Herausforderung lauern könnte. Es gab aber um sie nichts, was einer näheren Erforschung wert gewesen wäre, abgesehen davon, dass sie sich in einem Waldstück aufhielt, das ihr spontan überhaupt nicht bekannt vorkam, und das ihres Wissens gar nicht an das Grundstück ihrer Großeltern grenzte, bei denen sie mit Mama zurzeit wohnte. Irgendwie war sie sogar von dem vorhin erst noch asphaltierten Weg, der dann nur noch geschottert war und am Ende ein Trampelpfad geworden war, abgekommen. Sie stolperte noch so weiter, ihre spielerische Beweglichkeit nahm stark ab, nachdem sie merkte, dass sie nicht mehr wusste, wo sie war, aber stehen bleiben wollte sie auch nicht. Irgendwann war dann die Energie verbraucht und das Mädchen ließ sich mit dem Hintern in ein Lager aus Moos sinken. Das war so schön weich! Wenn es nicht bereits etwas kühl gewesen wäre, es war ja schon Anfang Oktober, wäre es ein wunderbares Quartier gewesen, um eine Hütte zu bauen, wie die Jungen aus dem, Dorf, die die Mädchen nie mitmachen ließen, und selber zu bestimmen, wer in so eine Hütte dürfe. Sie hatte ja einmal versucht, sich in diese seltsame verschworene Gruppe einzuschmuggeln, mit Hilfe einer der wenigen Schulkameradinnen, die sie so bezeichnen würde, hatte aber keine Lust sich als Einführungsritual vor allen anderen auszuziehen, drum war sie, nachdem diese Aufforderung gekommen war und ihre sogenannte Freundin bereitwillig ihren Rock fallen ließ und ihre noch schmalen Hüften zu schwingen begonnen hatte, schnellstens geflohen und hatte dabei sogar dem Sohn vom WegnersBauern eine geklatscht, weil der nach ihr gegriffen hatte. Diese Erinnerung ließ sie aufstehen, es war ihr einfach zu unangenehm. Der bloße Gedanke, es könne ihr gegen ihren Willen geschehen, was die anderen immer und immer wieder in Gesprächen aufbrachten, bewirkte ein seltsames, unangenehmes Kribbeln in ihrem Körper, vor allem in dessen unteren Regionen, von dem sie sich nicht im klaren darüber war, wie sie es nun finden sollte.

Durch solche Gedanken verlor sie jedes Interesse an dem Spiel mit dem Falter, das sie an den augenblicklichen Aufenthaltsort geführt hatte. Zum einen war der Falter weg, zum anderen fand sie sich in einer völlig fremden Umgebung wieder, sie hatte ja überhaupt nicht auf den Weg geachtet. Der schmale Pfad, der sich jetzt noch erkennbar zeigte, hatte keine Ähnlichkeit mehr mit dem breiten Wanderweg, auf dem sie anfangs, soweit sie sich erinnerte, unterwegs war. Sie blickte sich um. Um sie war Wald, ganz gewöhnlicher, kultivierter Wald. Keine Lianen, keine Schlingpflanzen, kein Tarzan! Eigentlich kein Grund zur Beunruhigung, trotzdem ein seltsames Gefühl. "Eigentlich brauch ich ja nur genau so zurück gehen, wie ich gekommen bin!" Dieser Gedanke ging ihr tröstend durch den Kopf, bis sie feststellte, dass sie nicht mehr wusste, wie ihr Weg hierher ausgesehen haben könnte. Sie stellte sich unter die Bäume um sie und drehte sich im Kreis, um vielleicht anhand der Sonneneinstrahlung wieder eine Orientierung zu erlangen, aber, da sie nicht auf die Sonne geachtet hatte, als sie loslief, schließlich war sie ja kein Pfadfinder, konnte sie sich mit Hilfe der Lichtverhältnisse natürlich nicht orientieren. Um sie fielen lautlos Blätter von den Bäumen, schließlich war es schon fast Herbst, wenn auch noch erst der Anfang.

Es war ihr inzwischen klar, dass sie sich nicht mehr auskannte, sie wollte sich nur noch nicht eingestehen, dass sie sich verirrt hatte. Eigentlich war es ihr natürlich schon bewusst, aber sie konnte sich noch nicht mit den Fernsehfilmen ähnlicher Thematik identifizieren. Viele solcher Sendungen kannte sie auch gar nicht, sie hatte nie große Lust auf Fernsehen. Das war in ihren Augen nur nachgemachte Alltagsscheisse oder effekthascherische Übertreiberei banaler Alltagsstories. Nichts was das Herz und die Seele einer jungen Lady rühren könnte.

Noch war es ja auch hell. Sie konnte auch die Bundesstrasse hören, die irgendwo wenige Kilometer entfernt verlief. Eigentlich war ihr klar, dass sie bis zum nächsten menschlichen Kontakt nur vielleicht einen Kilometer Entfernung zurückzulegen hätte. Was ihr etwas komisch vorkam, war nur der Umstand, das keine Menschenseele zu sehen war. Rundum gab es nur Wald, Moos, Insekten – und ein komisches Geräusch. Da rauschte etwas im Geäst, genauer gesagt, es knackte und prasselte und stöhnte im gar nicht dichten Unterholz. Diese Geräusche waren stetig lauter geworden, erst kaum hörbar, jetzt schon sehr deutlich. Sie wurde ganz klein und versuchte sich hinter Stämmen zu verbergen, die kaum einen Federhalter hätten verbergen können. Die Geräusche kamen aber dennoch näher und näher. Wo sollte sie sich noch verstecken, es gab einfach kein vernünftiges Versteck in diesem überkultivierten Wald. Dann sah sie zum ersten Mal eines der Wesen, die ihr anscheinend nachstellten: etwa 100 Meter entfernt brach ein fluchendes, gebücktes Geschöpf aus einer Baumgruppe.

"Scheiße!! Ich blute wie eine Sau!!!!!" Das Geschrei war zwar nicht gerade "Scream"-mäßig, aber trotzdem alles andere als freundlich. Aus einer anderen Richtung brüllte plötzlich jemand: "Halt dein Maul, du Arschloch! Wie soll man sonst was hören?" Der erste Schreier trat nun ganz aus seiner Deckung: "Du blöde Sau! Ich hab mir fast ein Auge ausgestochen! Ich hab keinen Bock mehr auf diese Scheisse!" brüllte er. Die Gestalten hatten Lederhosen- und - jacken an und dazu Westen auf deren Rückseite ein Abzeichen prangte, das das Mädchen aber nicht genauer sehen konnte.. Plötzlich rief hinter ihr eine Stimme: "Ich hab sie!! Da ist sie!!" und hinter dem Mädchen brach ein riesiger Kerl aus dem Wald, höchstens 20 Meter entfernt, hinter ihm tauchte auch gleich ein ganzes Rudel weiterer Burschen auf. Voller Schrecken wandte sie sich um und rannte zu einer Buschgruppe, die nur wenige Schritte entfernt war, wühlte sich sozusagen mitten hindurch und wetzte dann außen rum zurück.. Die Kerle, die ihr folgten, bahnten sich mühsam einen Weg durch das Gestrüpp, was gehörigen Lärm machte, der eine oder andere tat sich auch ganz gehörig weh, aber aufgeben taten sie trotzdem nicht. Gebückt huschte das Mädchen weg von der Buschgruppe, sah sich verzweifelt nach einem Versteck in dem Waldstück um, das ihr jetzt viel zu ordentlich und übersichtlich vorkam. Sie blickte um sich und stellte mit Schrecken fest, wie die nun auch aus dem Gebüsch gekrabbelten Männer, es wurden immer mehr, während sie hinsah, in ihre Richtung sahen, in ihre Richtung deuteten und mit den Armen fuchtelten. Gerade noch rechtzeitig blickte sie wieder in die Richtung in die sie lief, um zu verhindern den Baum in vollem Tempo zu rammen, der genau vor ihr stand. Sie schlug einen verzweifelten Haken, brachte ihren Körper nicht mehr ganz weg von dem Baum, streifte ihn mit der linken Schulter und wurde durch den Stoß hilflos um sich selbst gedreht. Die Preisselbeersträucher, in die sie stürzte, nahmen dem Aufprall zum Glück die größte Wucht, ihr Hintern tat aber trotzdem ganz schön weh, und die geprellte Schulter natürlich auch. Ein kurzer Blick in die Richtung, aus der sie gekommen war, verdrängte die Schmerzen sofort! Voller Panik sah sie, wie ihre Verfolger, inzwischen ausgeschwärmt zu einer Kette, ihr nachsetzten. Mit einem Ruck stand sie wieder und hetzte weiter. "Bleib stehen!" brüllte es hinter ihr, "Halt!" `Blöd müsst ich sein!´ dachte sie und schwang sich zu Spurtleistungen auf, die ihrem Sportlehrer, der nicht allzu viel von ihren Leichtathletik-Talenten hielt, wahrscheinlich den Unterkiefer ausgerenkt hätten. Sie konnte ein bisschen Boden gutmachen auf die Kerle, denen wahrscheinlich die schweren Stiefel, die sie trugen, beim Rennen doch eher hinderlich waren, außerdem ist eine leichte Jeansjacke und eine schlabbrig weiche Cordhose weit weniger hinderlich als dicke Lederjacken und –hosen. Selbst ihr kleiner Rucksack, den sie auf ihrem Rücken inzwischen völlig vergessen hatte, störte sie nicht im Geringsten, viel Schulzeug war ja nun auch wirklich nicht drin, genaugenommen war es eigentlich nur ihr Stiftemäppchen, ein Schreibblock und eine `Sublime´-CD, die sie sich von ihrer Banknachbarin Petra geliehen hatte, was für ein Glück, dass sie eine so lasche Schülerin ist. Vor ihr tauchte eine Wand aus Blättern auf. Eine lang Buschreihe, die ihr genug Deckung bieten würde, um sich vor den Verfolgern zu verstecken und in deren Schutz sie mit Sicherheit entkommen würde. Sie erreichte den rettenden Buschgürtel und wollte sich hineinstürzen. Aber, verdammt, das Mistzeug, aus dem die Hecke bestand, war derart dicht und hatte so grässliche Stacheln, dass sie sich drin nach einem halben Meter hoffnungslos verwickelt und das Fleisch von den Knochen gerissen hätte. Ihr schossen die Tränen der Wut und Verzweiflung in die Augen. Sollte sie jetzt hier doch noch erwischt werden? Sollte sie hier in ein paar Tagen vergewaltigt und erstochen von einem spazieren gehenden Rentner gefunden werden? Da hätte sie vielleicht doch lieber in der Hütte der Dorfjungs denen den Gefallen tun sollen und mal kurz ihre Hose runterlassen, damit die Deppen ihren Anschauungsunterricht gekriegt hätten. Mehr als glotzen hätten die sich eh nicht getraut. Während diese Gedanken durch ihr Adrenalinüberschwemmtes Hirn zischten, hatte sie weiter erfolglos die Hecke nach einem Durchschlupf abgesucht, aber sich immer nur wieder die Hände zerstochen. Sie rannte entlang der undurchdringlichen Wand von Zweigen und ihr Herz klopfte, als wolle es jeden Moment aus ihrer Brust herausspringen und alleine abhauen. Da sie jetzt ja im rechten Winkel von ihrem eigentlichen Fluchtweg hetzte, konnten die schwerfälligeren Männer natürlich aufholen, sie sah aus den Augenwinkeln schon schemenhaft die Gestalten, die immer größer wurden. Plötzlich bemerkte sie, dass ein Hollunder, der sich in der Hecke ein Plätzchen erobert hatte, das stachelige Bollwerk unterbrach. Sie zwängte ihren Körper zwischen den biegsamen und wunderbar stachellosen Zweigen des Busches durch und drückte sich weiter, die Arme zur Abwehr vor den Kopf haltend. Wunderbarerweise ging es auch in dem Gestrüpp weiter, sie kam voran ohne sich die Augen auszustechen und ohne sich rettungslos zu verheddern. Erschöpfung ließ sie keuchen, wie eine der alten Dampfloks, die sie eigentlich nur aus dem Fernsehen kannte. Ihr Keuchen und das Geräusch der Äste, die sie während ihres verzweifelten Vorwärtsdrängens zerbrach, waren das einzige, was sie hörte. Es war klar, sie musste stehen bleiben, um festzustellen, wo ihre Jäger waren, sonst liefe sie ihnen womöglich noch in die Arme, sie hatte jeden Richtungssinn verloren. Mitten in dem Gestrüpp saß das Mädchen und bewegte sich nicht. Totstellen schien ihr noch die beste Strategie gegen diese Ungeheuer. Eine Weile war im Gestrüpp noch Lärm und Unruhe, auch die Männer hatten wohl den Weg in die Hecke gefunden, dann wurde es still. Außerdem wurde es langsam dunkel. Das Mädchen wusste nicht, was es tun sollte: versuchen heimzukommen, solange es noch hell ist und dabei wieder gesehen und gejagt zu werden, oder abwarten bis es dunkel und vielleicht keiner der Monstertypen mehr im Wald ist, aber zu riskieren, nicht mehr rauszufinden. Während das Mädchen noch überlegte, griff plötzlich eine große, warme Hand nach seinem Nacken und zog es unwiderstehlich aus dem Buschwerk. Der Schrei, den das Mädchen ausstiess, schallte über den halben Landkreis. Dann beugte sich ein bärtiges Gesicht, mit einer bösen Schramme über dem linken Auge, über das Mädchen, und ein weiterer Kerl mit einer Weste beugte sich dazu. Der erste, der das Mädchen immer noch im festen Griff hat, brüllt: "Du kleines Luder! Hinter dir sind wir jetzt schon seit über zwei Stunden her!" Sie wird erbarmungslos aus der Hecke gezerrt und dann, endlich draußen, schüttelt der riesengroße Bursche sie auch noch in seinem harten Griff wie eine Katze die gefangene Maus hin und her. Inzwischen tauchen immer mehr Männer in schwarzem Leder um sie her auf. Der Riese beugt sich zu ihr und grummelt ihr deutlich leiser ins Gesicht: "Du dumme Gans hast im Bushäuschen deine Monatskarte vergessen. Meinst du wir haben nichts anderes zu tun, als so schusseligen Weibern ihr Zeug nachzutragen? Pass bloß in Zukunft auf deinen Scheiß auf, sonst kannst du den Mist noch mal zahlen! Wir überlegen uns das verdammt gut, ehe wir dir noch mal nachrennen!" Dann lässt die feste Hand in ihrem Nacken locker, die vielen Männer in Leder, mit Kutten, die inzwischen um sie herumstehen, verschwinden nach und nach und plötzlich steht das Mädchen allein da. Es ist im Wald gleich hinter der Siedlung, in der die Oma wohnt und war auch nie weit weg. Durch die Bäume sieht sie die Häuser und plötzlich hat sie total Bock auf Oma, ihr fades Essen und Hausaufgaben machen. Das Geschrei ihrer Mutter, wegen der völlig versauten und ziemlich zerrissenen Klamotten, am Abend würde sie sich heute gerne anhören, jetzt hört sie gerade nur das tiefe Donnern vieler Motorräder, die angelassen werden.