Biker Story II

 

Klasse Party, ey

Das linke Augenlid etwas geöffnet – und gleich wieder zugemacht das Teil! Die Helligkeit kann nicht normal sein, auf keinen Fall aber gesund. Hinter den Lidern erst mal die Pupillen gerollt, sich auf optische Wahrnehmung langsam vorbereiten, Training für das Unvermeid-liche, während die anderen Körpersinne die Tätigkeit aufnehmen. Die Ohren melden Bewegung rundum, keine klare Richtungseinschätzung möglich. Stimmen, Motoren, Musik, Klirren von Gläsern und Flaschen. Irgendwo, nicht weit weg, kotzt Jemand, das Geräusch ist auf jeden Fall klar einzuordnen.

Das linke Augenlid zeigt Bereitschaft sich anzuheben, na ja, es ist auch noch durch den linken Unterarm geschützt. Okay, Augenlid links auf! Angenehmes Halbdunkel, Lederjacken-protectet! Das gibt natürlich nicht viel her - wie meine Lederjacke aussieht, wusste ich schon! Kommando ans rechte Augenlid: öffnen!! Befehl verweigert! Erschießung des Verweigerers? – Ist heut aus der Mode, außerdem – dann seh´ ich auch nicht mehr. Ausweichstrategie: rechte Hand heben und ans rechte Auge führen. Geht knapp daneben, gut, kratz ich mir erst mal den Kopf, der ist in Reichweite. Ist angenehm, den seltsam riesigen Kopf ein wenig zu kraulen, wär´ schön, wenn´s jemand anderes machen könnte. Bin wahrscheinlich über der anstrengenden Tätigkeit des Kopfkratzens wieder eingeschlafen, nächste Wahrnehmung ist nämlich andersrum.

Rechtes Auge bringt optische Reize, linkes ist immer noch durch Unterarm in Lederjacke sehbehindert. Eindrücke, die rechtes Auge übermittelt, lassen weiterschlafen angeraten sein, da unmittelbar vor Auge größere Menge Abfall deponiert wurde. Ich wedle mit der Hand, um den Unrat zu beseitigen, aber der muss wohl weiter weg sein. Da! Kontakt mit rechter Hand an unbekanntem Objekt! Kalt! Glatt! Meine Finger tasten die angenehm bauchige Kontur des Gegenstandes nach. Sexuelle Assoziationen verbietet die Tageszeit und der mutmaßliche körperliche Zustand. Mehrere Finger (alle?) schließen sich um ertasteten Gegenstand. Gewicht lässt keine Schlüsse zu, jedoch erzeugt Schütteln des Gegenstandes gluckerndes Geräusch. Analyse: Gegenstand = Flasche, Inhalt = ? – nähere Analyse nötig!

Der als Flasche erkannte Gegenstand wird, da die optischen Sinne noch nicht arbeitsbereit sind, der Nase entgegen geführt. Das funktioniert unter zu Hilfenahme der zweiten Hand. Die Geruchsprobe ergibt keine toxische oder fäkale Belastung, also: Ran an den Mund und einflößen! Der Inhalt ist flüssig, lässt gewisse Erinnerungen an gestern Abend wieder wach werden. Bier! Das Wort fällt mir eben wieder ein, mir wird aber auch schlecht dabei. - Oder vom Geschmack! Mein Gott, ist das Ekelhaft – davon sollte ich mehr haben – aber die Flasche ist leer! Auch saugen bringt nichts mehr raus! Das ärgert mich so, dass ich jetzt beide Augen aufmache. Ist immer noch scheißhell, hätt ich´s bloß nicht gemacht. Da liegen überall Leute und Dreck auf der Wiese, schaut interessant aus. Durst! Die so unvermittelt geweckten Geschmacksnerven wollen weitere Reize. Na gut! Such ich eben danach! Anziehen der unteren Extremitäten! Gegen den Boden stemmen! Erheben des Oberkörpers! Schwindel! Heftig!!! Zurücksinken! Ich beobachte die Saturnringe – wieso sollte ich mir ein Teleskop kaufen? – und freue mich über die regelmäßig niedergehenden Meteoritenschauer. Die Mitteilung eines Vorbei kommenden, dass es Kaffee gibt, nehme ich universell-gelassen entgegen. Aus meinem Magen kommt ein leises Gluckern, freut er sich auf Kaffee? Klingt eigentlich nicht so! Mein zweiter Versuch aufzustehen, den linken Arm immer noch über dem linken Auge – wir wollen ja nichts übertreiben, bringt mich deutlich weiter.

Ich komme in die Senkrechte, mache zwei kleine, vorsichtige Schritte, und fliege sofort über so einen Trottel, der sich in meiner Nähe niedersinken hat lassen. Zum Glück sehe ich seine Kutte nicht, sonst hätte ich mich entweder aufregen oder entschuldigen müssen, so lasse ich ihn schlafen, voller Bewunderung über dieses Durchhaltevermögen, seine einzige Reaktion ist auch nur ein gequältes Aufschnarchen. Durch den Schock des Hinfallens erwachen wunderbarerweise meine Sinne zu einer Not-/Minimalfunktion. Ich sehe, dass ich durchaus nicht der letzte bin, der aufgewacht ist, ich sehe, dass da noch mehr so Vögel sind , wie ich einer bin. Mann, war das mal wieder eine Nacht! Was wär das geil, wenn ich mich noch an alles erinnern könnte! Aber immerhin: ich hab noch alle Klamotten an und meine Brieftasche ist in meiner Jacke, mein Motorrad hab ich auch schon kontrolliert – ist okay, und ich hab sogar noch den Zündschlüssel. Klasse Party!